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Studie liefert Hinweise

Bestimmtes Arzneimittel soll das Demenzrisiko erhöhen

Abführmittel Demenz: Illustration eines Gehirns
Abführmittel haben laut einer aktuellen Studie Folgen für das Gehirn Foto: Getty Images

24. Februar 2023, 12:36 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten

Bei Medikamenten wird stets – bereits im Beipackzettel – vor möglichen Nebenwirkungen gewarnt. Außerdem ist häufig nicht ausreichend erforscht, welche unerwünschten Langzeitfolgen sie haben können. So liefert eine aktuelle Studie Hinweise, dass bestimmte Arzneimittel, die eigentlich im Darm wirken sollen, zugleich aber auch Risiken für das Gehirn bergen.

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Verstopfung (Obstipation) ist ein verbreitetes Problem in Industrienationen, was nicht zuletzt mit der oft ballaststoffarmen westlichen Ernährung zusammenhängen dürfte. Zur natürlichen Behandlung empfehlen sich eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, veränderte Ernährungsgewohnheiten und ein Plus an Bewegung. Der Gebrauch von Abführmitteln dagegen gilt eher als Maßnahme für den Notfall, zumindest sollte er nicht unbedacht oder ständig erfolgen. Denn die regelmäßige Einnahme kann den Darm abhängig machen und die Verdauungsstörungen somit chronifizieren. Weiterhin werden durch Abführmittel Elektrolyte und große Mengen Wasser ausgeschieden, was – wenn man diesen Verlust nicht ausgleicht – gesundheitliche Probleme nach sich ziehen kann. Nun bringt eine aktuelle Untersuchung Abführmittel und die Gefahr für Demenz in einen Zusammenhang.1 FITBOOK hat sie sich kritisch angesehen.

Studie stellt höheres Demenzrisiko durch Abführmittel fest

Mitarbeiter verschiedener chinesischer Forschungseinrichtungen haben in Kooperation mit Wissenschaftlern der Universität von Cambridge und der Harvard Medical School rund 500.000 Daten aus der UK Biobank ausgewertet. Die Probanden waren durchschnittlich 57 Jahre alt, niemand von ihnen litt zu Beginn des zehnjährigen Untersuchungszeitraums an Demenz. Bei Abschluss der Studie waren 2187 von ihnen an einer Form von Demenz (z. B. Alzheimer oder vaskuläre Demenz) erkrankt – und darunter demnach vor allem Probanden, die regelmäßig Abführmittel einnahmen.

Auch interessant: Wie man eine Depression von Demenz unterscheidet

Geschädigtes Mikrobiom durch osmotische Präparate

Die Forscher liefern einen Erklärungsansatz. So funktionieren die gängigen (osmotischen) Abführmittel über eine Flüssigkeitsverschiebung von Darmblut in den Darm. Der Zweck dahinter ist ein vergrößertes Stuhlvolumen und dadurch „mehr Druck“ auf die Darmwand, um den Toilettengang auszulösen. Doch eben solche Abführmittel haben einen nachhaltig negativen Einfluss auf das Darmmikrobiom, heißt es in der Studiendokumentation, und daher eine beeinträchtigte Produktion derjenigen Neurotransmitter zur Folge, die für die kognitiven Funktionen benötigt werden. Auf diese Weise sollen sie also das Demenzrisiko erhöhen. Weiterhin sollen die Mittel eine vermehrte Entstehung von Darmgiften bewirken.

Kritik an der Untersuchung

Die Ergebnisse sollte man zunächst nicht überbewerten. Denn einerseits waren 90 Prozent der Probanden weiß, weshalb sich die vermeintlichen Schlussfolgerungen nicht auf die Allgemeinheit übertragen lassen. Zudem waren die meisten Studienteilnehmer, die nach eigenen Angaben häufig zu Abführmitteln griffen, Frauen – viele von ihnen mit einem niedrigen Bildungsniveau, chronisch krank und mitunter auf die Einnahme von Opiaten (= starke, schmerzhemmende Medikamente) angewiesen. Einige von ihnen gaben weiterhin an, regelmäßig Cholesterinsenker und Steroide einzunehmen. Sie waren, neben einem erhöhten Demenzrisiko, demnach auch empfänglicher für weitere gesundheitliche Probleme wie z. B. Depressionen, Bluthochdruck und Schlaganfälle.

Wenige und womöglich ungenaue Informationen

Die Forscher stützten sich bei ihrer Auswertung auf die Angaben der Probanden zu deren Medikamentenkonsumverhalten. Doch diese lassen sich nicht auf ihre Richtigkeit bzw. Genauigkeit überprüfen. Auch kann man weitere Störfaktoren (z. B. Ernährungsgewohnheiten, Alkoholkonsum, Rauchen), die das Untersuchungsergebnis bzw. das Demenzrisiko beeinflussen würden, nicht ausschließen.

Keine überzeugenden Zahlen

Daneben sind auch die ermittelten Zahlen nicht sehr aussagekräftig. Die Studienverantwortlichen sprechen von einer Demenzdiagnose bei 1,3 Prozent der regelmäßigen Verwender von Abführmitteln. Unter den Probanden, die nach eigenen Angaben keine oder allenfalls selten Abführmittel einnahmen, waren immerhin noch 0,4 Prozent erkrankt.

Unabhängige Experten sehen (noch) keine Kausalität

Zuletzt scheint die Erklärung dafür, auf welche Weise ein Abführmittelmissbrauch die Demenzgefahr erhöhen soll, für unabhängige Experten nicht schlüssig zu sein. So jedenfalls äußert sich Dr. Ali Rezaie, Leiter einer auf Verdauungsstörungen spezialisierten Poliklinik des Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles, in einem Beitrag auf „CNN Health“. Demnach wisse man, dass Abführmittel das Mikrobiom verändern können. Aber: Es gebe keine Daten, die darauf hindeuten, dass diese Veränderungen dieselben sind, die Demenz begünstigen. Um dies zu überprüfen, sei umfangreiche Forschung nötig, die weitere Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte.

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Quellen

Themen Demenz

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