12. Juni 2024, 19:53 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Für die mentale Gesundheit spielt der Schlaf eine bedeutende Rolle. Nun haben sich Wissenschaftler in dem Zusammenhang intensiv mit dem Zeitpunkt des Zubettgehens auseinandergesetzt. Die Ergebnisse ihrer Studie stellen die vermeintliche Bedeutung des individuellen Bio-Rhythmus für die empfohlenen Wach- und Schlafenszeiten infrage. FITBOOK-Autorin Laura Pomer erklärt, was die Forscher herausgefunden haben.
Die neue Studie berührt das Thema Chronobiologie. Denn die individuellen Wach- und Schlafenszeiten zählen zu den wesentlichen Kategorien, die laut genannter Lehre von biologischen, sogenannten „zirkadianen“ Rhythmen abhängen. Bei den verschiedenen Chronotypen (Nachteulen vs. Lerchen) geht man davon aus, dass sie ihrem natürlichen Rhythmus folgend leistungsfähiger sind, und womöglich von besserer allgemeiner Verfassung. Was zumindest die mentale Gesundheit betrifft, hat ein Team internationaler Forscher jetzt Gegenteiliges herausgefunden.
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Übersicht
Menschen, die lieber früh aufstehen und entsprechend zeitig zu Bett, nennt man Lerchen. Eulen hingegen bleiben gemeinhin länger wach und stehen später auf.
Studie zu Schlafenszeiten und mentaler Gesundheit
Nach 1 Uhr nachts ins Bett zu gehen, kann sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken. So lautet, grob zusammengefasst, die Erkenntnis der kürzlich veröffentlichten Studie.1 Das besonders Überraschende sei daran gewesen, dass die vermeintlichen (Nacht-) Eulen, deren Chronotypen späte Schlafenszeiten ja eigentlich entsprächen, mit der schlechtesten mentalen Gesundheit aus der Untersuchung hervorgingen.
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Details zur Untersuchung
Rund 74.000 Teilnehmer aus der Langzeit-Beobachtungsstudie UK Biobank nahmen an der Untersuchung teil. Diese waren durchschnittlich 63,5 Jahre alt und etwas mehr als die Hälfte von ihnen weiblich. In Befragungen ermittelte das Forscherteam um Senior-Autor Jamie Zeitzer Details zu den Schlafgewohnheiten der Probanden. Für objektive Werte sollten sie zudem eine Woche lang Tag und Nacht Aktivitätstracker tragen. Informationen zur mentalen Gesundheit der Probanden entnahmen sie den Gesundheitsakten der Frauen und Männer. Hierbei seien sämtliche in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten aufgeführten psychischen Störungen und Verhaltensstörungen berücksichtigt worden.
Im Verhältnis zur untersuchten Gesamtgruppe definierten die Forscher Schlafverhaltenstypen und hierfür 1 Uhr nach Mitternacht nachts als späte Zubettgehzeit. Auf dieser Basis teilten sie die Probanden in Früh- und Spätschläfer sowie in eine weitere mittlere Gruppe ein, die somit zwischen den beiden lag.

„Was mir als Nachteule hilft, früher zu schlafen“
„Ich habe immer neidvoll auf sogenannte Lerchen geschaut, die den Tag früh starten und früh beenden können. Zu diesen Menschen habe ich aber noch nie gehört. Ich kann mir dagegen zumindest kurzfristig ohne große Folgen die Nächte um die Ohren schlagen. Aber ich weiß, dass das auf Dauer nicht gesund ist. Und natürlich muss auch ich in meinem Alltag morgens fit und produktiv sein. Doch ich kann mir noch so oft sagen: ‚Du musst früher schlafen gehen.‘ So einfach funktioniert das nicht. Da braucht es schon das Pflegen bestimmter gesunder Gewohnheiten oder auch mal ein Ritual, um meinen Kopf und Körper von der frühen Schlafenszeit ‚zu überzeugen‘.“
„Das Logischste, aber dennoch nicht immer einfach umzusetzen: regelmäßiger Sport und ausgewogene Ernährung. Eine Pizza spät am Tag ist dem Einschlafen genauso wenig zuträglich wie zu viel sitzen, erst im Büro und später auf dem Sofa.An Tagen, an denen ich trainiert habe – besonders Kraftsport wirkt da bei mir Wunder – liege ich um 23 Uhr wohlig erschöpft im Bett, während ich sonst froh bin, vor Mitternacht die Augen schließen zu können. Ansonsten sind kleine Rituale, einen späten Tee zu trinken, kurze Meditationen zu machen, zehn Minuten zu dehnen. Einfach ein paar Dinge, um meine Energie herunterzufahren und meinen Kopf zur Ruhe zu bringen.“
Ergebnisse
Unter den Spätschläfern der Probanden war die Rate an psychischen Störungen deutlich höher, zeigt die Studiendokumentation. Diese Ergebnisse seien unabhängig von den vermeintlichen Chronotypen gewesen. Im Gegenteil: „Für Nachteulen wäre es sogar besser, ein falsch ausgerichtetes Leben zu führen“, so Studienhauptautor Jamie Zeitzer von der Uni Stanford in einer Pressemitteilung.2 Bei Probanden des Typs mit gemeinhin späten Schlafenszeiten war laut der Analyse die Wahrscheinlichkeit, an z. B. Depressionen oder Angstzuständen zu erkranken, um 20 bis 40 Prozent höher als bei Nachteulen mit einem früheren oder mittleren Schlafrhythmus.

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Genaue Mechanismen noch nicht hinreichend geklärt
Welche Mechanismen genau die schlechten Ergebnisse zur untersuchten mentalen Gesundheit begünstigten, können Zeitzer und sein Team nicht zuverlässig beantworten. Sie halten es für möglich, dass eine (durch späte Schlafenszeiten begünstigte) tendenziell kurze Gesamt-Schlafdauer mit hineinspielt. Den umgekehrten Fall – also, ob es die psychischen Probleme sein könnten, die Betroffene dazu veranlassen, lange aufzubleiben – wollen sie zumindest ausschließen können. Denn im Verlauf der achtjährigen Nachverfolgung einer Untergruppe der Probanden, bei denen während des aktiven Studienzeitraums noch keine psychische Störung diagnostiziert gewesen seien, erkrankten demnach die Nachteulen mit späten Schlafgewohnheiten am ehesten neu. Nachteulen sei es auf Grundlage dieser Studie also zu raten, sich entgegen ihres späten Chronotypen zu verhalten und früher ins Bett zu gehen.
„Mind after Midnight“-Hypothese
Studienautor Zeitzer glaube am ehesten an die bereits wissenschaftlich erforschte „Mind after Midnight“-Hypothese, erklärt er in der Presseveröffentlichung. Diese besagt, dass das Gehirn nach Mitternacht anders funktioniert – dass der Mensch ab dieser Uhrzeit eher zu negativen Gedanken neigt und impulsiv falsche Entscheidungen trifft. Das Urteilsvermögen sei beeinträchtigt und die Risikobereitschaft erhöht. Viele schadhafte Verhaltensweisen (z. B. Selbstmordgedanken, Gewaltverbrechen und Alkohol- sowie Drogenkonsum) seien daher nachts häufiger anzutreffen.3