22. Februar 2023, 13:19 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Stellen Sie sich vor, Sie müssen nur noch an vier der fünf Werktage arbeiten und bekommen weiterhin das volle Gehalt. Für den Arbeitnehmer klingt das wohl wie ein guter Deal. Doch auch dem Unternehmen kann ein solches Modell Vorteile bringen – dies zeigt eine aktuelle Studie. FITBOOK stellt die Ergebnisse vor.
In Deutschland ist die 32-Stunden- bzw. 4-Tage-Woche ein nicht ungewöhnliches Teilzeit-Arbeitsmodell. Doch wer sich dafür entscheidet, nimmt eine entsprechend reduzierte Vergütung in Kauf. In Großbritannien ist man da bereits etwas aufgeschlossener. Ein Pilotprojekt hat hier gezeigt: Wenn Mitarbeiter nur vier Tage pro Woche reinkommen (bei vollem Gehalt), bringt das Vorteile für alle.
Übersicht
Studie zur 4-Tage-Woche mit rund 2900 Arbeitnehmern
61 britische Unternehmen aus verschiedenen Bereichen (z. B. aus der IT- und Baubranche, Gastronomie, Finanz- und Gesundheitswesen) haben an dem Projekt teilgenommen. Sie waren somit Gegenstand einer gemeinsamen Studie der Universitäten von Cambridge und Boston im Rahmen einer Aktion der Non-Profit-Stiftung „4 Day Week Global“. Alle Details zur Studie sind einer Pressemitteilung der Uni Cambridge zu entnehmen.1
Für einen Zeitraum von rund sechs Monaten reduzierten die Firmen die Arbeitszeit für insgesamt rund 2900 Mitarbeiter um 20 Prozent, wobei die konkrete Aufteilung jeweils etwas abweichen konnte. Ein Großteil der Unternehmen strich demnach einen Wochentag. Daneben habe es auch z. B. ein Restaurant gegeben, das eine 32-Stunden-Woche auf das gesamte Jahr kalkulierte, mit dem Ergebnis von im Sommer längeren und im Winter wesentlich kürzeren Öffnungszeiten. Alle gemein hatten die gleichbleibende Bezahlung gemäß einer Vollzeitstelle. Im Vorfeld seien die Mitarbeiter rund zwei Monate lang u. a. in Workshops auf das veränderte Arbeitsmodell vorbereitet worden. Die Absicht des Ganzen: herausfinden, welche Vorteile eine 4-Tage-Woche womöglich bringt.
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Mitarbeiter beschreiben sich als weniger gestresst und glücklicher
Das getestete Modell hatte das selbst empfundene Stressniveau der Mitarbeiter um rund 39 Prozent verringert. Dies ermittelten die Forscher mithilfe regelmäßiger Befragungen sowohl vor, im Verlauf als auch im Anschluss des Projekts. Demnach fühlten sie sich weiterhin um 71 Prozent weniger gefährdet, einen Burnout zu erleiden. Eine optimistisch stimmende Tendenz, und diese ließ sich mit Zahlen untermauern. Im Verlauf des sechsmonatigen Studienzeitraums wurden bei den Unternehmen rund 65 Prozent weniger Krankheitsfälle dokumentiert. Ein Plus verzeichneten sie dafür in puncto Umsatz, genauer gesagt einen Anstieg um rund 1,4 Prozent.
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Erklärungsansätze
„Vor der Untersuchung hatten viele in Frage gestellt, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit die Produktivität steigern könnte.“ Dies berichtet Soziologe und Studienautor Dr. Brendan Burchell aus Cambridge in der Veröffentlichung. Nun wollen er und seine Kollegen den Beweis für die auch ökonomischen Vorteile geliefert haben. Demnach waren die Angestellten durch die reduzierte Arbeitszeit „viel weniger geneigt, Zeit totzuschlagen, und suchten aktiv nach Technologien, die ihre Produktivität verbesserten“.
Weiterhin dürften sie auch erholter und zufriedener aus dem Wochenende zurückgekehrt sein – dies ist ebenso zuträglich für die Arbeitsmoral. Denn wie die Untersuchung ergab, nutzten die meisten von ihnen den zusätzlichen freien Tag für Erledigungen bzw. den Haushalt. Daher hatten sie an den Wochenenden mehr Zeit für ihre privaten Interessen sowie für etwaige Unternehmungen mit Familie und Freunden.
Die Projektteilnehmer jedenfalls scheinen überzeugt: Immerhin 56 der insgesamt 61 Unternehmen beabsichtigen, das Modell beizubehalten, sprich bei einer 4-Tage-Woche zu bleiben.
Ein Modell auch für Deutschland?
Das Projekt soll in den kommenden Monaten in Südafrika und Europa in die nächsten Runden gehen – womöglich auch in Deutschland. Experten sehen jedenfalls auch für uns Vorteile durch eine 4-Tage-Woche. Denn so könnte man dem Fachkräftemangel begegnen. „Unternehmen müssen radikal ihre Angebote an Arbeits- und Lebensgestaltung ändern“, äußert dazu etwa ein Mitarbeiter der Unternehmensberatung Roland Berger im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Sie müssen um die Leute werben.“
Doch es gibt auch einen Haken. Denn dass sich ein 4-Tage-Modell etwa in der Pflege umsetzen lässt, ist mehr als fraglich. Somit droht die Gefahr, dass entsprechende Berufe gegenüber solchen in anderen Branchen, in denen sich die Produktivität offensichtlich durch verkürzte Arbeitszeiten steigern lässt, (noch) weniger attraktiv werden.
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Quelle
- 1. University of Cambrige. „Would you prefer a four-day working week?“ (aufgerufen am 22.02.2023)
- The UK’s 4-Day Week Pilot. (aufgerufen am 22.03.2023)