30. Dezember 2024, 13:14 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Forscher aus Stanford haben eine Methode entwickelt, die eine starke Immunreaktion auf mehrere Grippestämme sowie die Vogelgrippe hervorruft. Der neu konstruierte Impfstoff könnte womöglich Millionen Leben retten.
Gesundheitsbehörden schätzen auf Basis von Modellrechnungen, dass weltweit jährlich zwischen 290.000 und 650.000 Menschen an den Folgen einer durch Grippeviren verursachten Infektion sterben.1 Für Deutschland gibt das Robert Koch-Institut stark variierende Zahlen von mehreren Hundert bis über 25.000 Todesfälle an.2 Ältere Menschen und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen, die das Immunsystem schwächen, sind besonders gefährdet. Die beste Maßnahme, um sich und andere gegen eine Erkrankung zu schützen, ist die Grippeimpfung, deren Schutz dann ungefähr sechs bis zwölf Monate anhält. Klassische Impfstoffe werden dann jährlich an die aktuell zirkulierenden Influenzaviren angepasst, um einen bestmöglichen Schutz vor der kommenden Saison zu bieten. Doch diese weisen Schutzlücken auf – insbesondere vor Grippesubtypen. Forscher der Stanford University School of Medicine in Kalifornien haben möglicherweise eine Methode entwickelt, diese Lücke zu schließen und die Impfstoffe wirksamer zu machen – und somit mehr Menschen vor einer Grippe zu schützen und damit auch Todesfälle zu verhindern.
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Übersicht
- Wirksamkeit der Grippeimpfung liegt bei nur 20 bis 80 Prozent
- Die Forscher wollten wissen: Wie kann man die Grippeimpfung wirksamer machen?
- Ergebnis der Studie: Neu konstruierter Impfstoff verbesserte Antikörperreaktion – sogar gegen Vogelgrippe-Erreger
- Gefahr einer Vogelgrippe-Pandemie könnte eingedämmt werden
- Quellen
Wirksamkeit der Grippeimpfung liegt bei nur 20 bis 80 Prozent
Ein Team um Mark Davis, Professor für Mikrobiologie und Immunologie an der Stanford University, hat eine neue Methode zur Grippeimpfung entwickelt: Sie modifizierten einen Impfstoff so, dass dieser eine Immunreaktion auf alle vier gängigen Grippesubtypen förderte. Das könnte die Wirksamkeit des Impfstoffs erhöhen. Die Forschungsergebnisse wurden in der Zeitschrift Science veröffentlicht.3
Der saisonale Impfstoff enthält Virenstämme aus verschiedenen Subtypen, die unabhängig voneinander gezüchtet und dann kombiniert werden. Er hilft, indem er das Immunsystem auf eine schnellere und stärkere Reaktion vorbereitet. Ein entscheidender Teil dieser Abwehr sind Antikörper. Das sind spezielle Proteine, die sich an das Grippevirus binden. Haften die Antikörper richtig, verhindern sie das Eindringen des Grippevirus in die Zellen und dessen dortige Vermehrung.
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Das Immunsystem der meisten Menschen, schreiben die Forscher, reagiert jedoch stärker auf einen dieser Stämme – was sie anfälliger macht für Infektionen durch andere. Viele geimpfte Menschen haben dann nicht genügend Antikörper gegen die Grippeviren entwickelt. „Die Wirksamkeit des Impfstoffs ist jedoch nicht so hoch, wie sie sein könnte. In den letzten Jahren lag seine Wirksamkeit zwischen etwa 20 und 80 Prozent“, sagte Davis.
Die Forscher wollten wissen: Wie kann man die Grippeimpfung wirksamer machen?
Dafür mussten sie zunächst die Faktoren erkennen, die für diese seltsame Blindheit des Immunsystems gegen einen Subtypen verantwortlich sind. Daten von Zwillingen und geimpften Neugeborenen halfen ihnen. Sie zeigten, schreiben die Forscher, dass die Genetik des Wirts der Haupt-Treiber dieser Voreingenommenheit gegenüber Grippevirenstämmen sei.
Darauf basierend nahmen sie an, dass es dem Immunsystem helfen könnte, wenn man die vier Antigene der vier gängigen Subtypen, die normalerweise separat in der Impfstoff-Mischung enthalten sind, zusammenfügt. Also entwickelten sie einen Impfstoff, der die vier Hämagglutinine (Antikörper) chemisch verband. Die Idee: Nun verschlingt jede B-Zelle, die einen der vier Subtypen erkennt, auch gleich noch die drei anderen. Dann weist sie alle vier auf ihrer Oberfläche auf, wodurch das Immunsystem dazu gebracht wird, auf alle zu reagieren. Obwohl es dazu eben unter Umständen – Genetik – nicht veranlagt ist.
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Ergebnis der Studie: Neu konstruierter Impfstoff verbesserte Antikörperreaktion – sogar gegen Vogelgrippe-Erreger
Tatsächlich zeigte die Studie: In Mausmodellen verbesserte das neue Konstrukt der Typen die Antikörperreaktion über mehrere Grippestämme und deren Subtypen hinweg. Selbst die Antikörperreaktion auf die bedrohliche Vogelgrippe habe sich erheblich verbessert, heißt es. Die Immunreaktion gegen Erreger der Vogelgrippe (aviäre Influenza, es handelt sich um Influenza- A-Viren), sei mit saisonalen Grippimpfstoffen sonst eher schlecht.
Insgesamt produzierte das Immunsystem eine größere Vielfalt von T-Helferzellen. Diese aktivieren andere, spezialisierte Immunzellen, indem sie deren Antigene erkennen. Sie schütten dann Botenstoffe aus, die Antikörper-Spezialisten wie B-Zellen oder Makrophagen stimulieren. B-Zellen neutralisieren Krankheitserreger; Makrophagen fressen sie auf.
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Gefahr einer Vogelgrippe-Pandemie könnte eingedämmt werden
Handelt es sich bei dieser Entdeckung um eine Innovation im Bereich der Grippeimpfung? Schließlich könnten sie auch vor potenziell neu auftretenden Grippestämmen mit Pandemiepotenzial schützen, schreiben die Forscher. „Wenn wir die Subtyp-Voreingenommenheit auf diese Weise überwinden, kann das zu einem viel wirksameren Grippeimpfstoff führen, der sogar auf Stämme angewendet werden kann, die für die Vogelgrippe verantwortlich sind“, wird Davis zitiert.4
Einige Stämme der Vogelgrippe wurden bereits in Asien, Afrika und Europa Fälle dokumentiert. So etwa H5N1, was zu massenhaftem Vogelsterben führen und auch Menschen infizieren kann, durch engen Kontakt mit infizierten Vögeln oder deren Ausscheidungen. Wenn das Virus effizient von Mensch zu Mensch übertragbar wird, hat es das Potenzial, eine Pandemie auszulösen.