3. April 2024, 13:37 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Forscher der Universität Stanford sehen auf Basis aktueller Studienergebnisse in einer ketogenen Ernährung große Chancen für die Behandlung von Patienten mit psychischen Erkrankungen. Nicht zuletzt geht es dabei um das Ausgleichen von schweren Nebenwirkungen, welche die für sie notwendigen Medikamente häufig mitbringen. FITBOOK-Autorin Laura Pomer geht genauer auf die Untersuchung und ihre Ergebnisse ein.
Die ketogene Ernährung erlebte in den vergangenen Jahren nicht nur bei figurbewussten Menschen einen Hype. Auch die Forschung fokussierte sich auf den Ernährungsstil und die Frage, wie sie auf die Gesundheit wirkt. Grundlage der aktuellen Untersuchung waren die von Wissenschaftlern in früheren Arbeiten aufgezeigten positiven Effekte einer ketogenen Ernährung auf mit dem Stoffwechsel verbundene Krankheiten wie Adipositas (Fettleibigkeit) und Diabetes Typ 2. So ist es in der kürzlich erschienen Studie nachzulesen.1 Da sich die Ernährungsmaxime in jüngerer Vergangenheit zudem als „vielversprechend“ für die Behandlung von psychiatrischen bzw. psychischen Erkrankungen erwiesen habe, habe man diese vorläufigen Erkenntnisse an der renommierten Stanford Universität nun vertieft.
Übersicht
Der Einfluss ketogener Ernährung auf psychische Erkrankungen
Im Fokus der Studie stand der Einfluss einer ketogenen Ernährung auf Patienten mit Schizophrenie oder einer bipolaren Störung. Diese werden gemeinhin mit antipsychotischen Medikamenten behandelt, wodurch sich die Hirnfunktion und somit das Krankheitsbild Betroffener zwar verbessern lassen. Diese Mittel haben auf der Negativ-Seite jedoch viele Nebenwirkungen, heißt es dazu in einer Pressemitteilung der Universität.2
Hierzu zählen nicht zuletzt Veränderungen des Stoffwechsels, oft mit der Folge einer starken Gewichtszunahme oder gar der Entwicklung eines metabolischen Syndroms (= gleichzeitiges Auftreten verschiedener Stoffwechselerkrankungen bzw. Risikofaktoren, darunter Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte – FITBOOK erklärt es hier ausführlicher). Die Nebenwirkungen seien oft so gravierend, dass Patienten die Einnahme der für sie wichtigen Medikamente einstellten. Dies unterstreiche die Bedeutung der aktuellen Untersuchung.
Zielsetzung der Studie
Könnte eine ketogene Ernährung – weil sie offenbar einen positiven Effekt auf die metabolische Gesundheit haben kann – die geschilderten Nebenwirkungen auf den Stoffwechsel der Patienten aushebeln? Dies galt es, herauszufinden. Zumal Studienhauptautorin Shebani Sethi im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit auch bereits einen günstigen Einfluss der Ernährungsweise auf Patienten mit Epilepsie kennengelernt hat, bei denen eine medikamentöse Behandlung nicht anschlägt. Die Erklärung dafür sei, dass eine ketogene Ernährung „die Erregbarkeit der Neuronen im Gehirn reduziert“, so Sethis Erklärung. Eben jene Nervenzellen, die auch bei psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen.
Kurz erklärt: Das bedeutet ketogene Ernährung
An der Stelle sollte man erklären, was ketogene Ernährung (oft auch: ketogene Diät) bedeutet. Wer eine solche einhält, nimmt – kurz zusammengefasst – im Alltag nur wenige Kohlenhydrate zu sich. Stattdessen liegt der Fokus auf Fett und in wesentlich geringerem Maße auch auf Protein. Praktisch bedeutet das den weitestgehenden Verzicht auf beispielsweise Nudeln, Brötchen und Reis sowie stärkereiches Gemüse und Obst, ebenso auf Zuckerhaltiges wie Süßigkeiten.
Die Absicht dahinter ist es, eine sogenannte Ketose (auch: ketogener Stoffwechsel, „Hungerstoffwechsel“) zu erreichen. Der Zustand steht dafür, dass der Körper die über die Nahrung zugeführten Fette in sogenannte Ketonkörper oder Ketone umwandelt: spezielle Säuren, die – anstelle von Glukose – fortan als Energiequelle genutzt werden. Das Ganze soll sich positiv auf verschiedene Krankheitsbilder auswirken können, was mitunter auch in Studien belegt ist. Allerdings steht eine ketogene Ernährung auch im Verdacht, wiederum bestimmte Erkrankungen begünstigen zu können. Verschiedene FITBOOK-Beiträge zu dem umfangreichen Thema finden Sie in dieser Übersicht.
Details zur Untersuchung der Stanford Universität
In ihrer Pilotstudie arbeiteten die Forscher der Stanford University jetzt mit 21 erwachsenen Probanden, bei denen jeweils eine diagnostizierte Schizophrenie oder bipolare Störung vorlag, welche sie medikamentös behandelten. Bei ihnen allen hatten bereits Stoffwechselveränderungen (z. B. eine starke Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Blutfettverschiebungen und weitere Hinweise auf ein metabolisches Syndrom) eingesetzt.
Die Studienteilnehmer waren nun angehalten, für einen Zeitraum von vier Monaten eine ketogene Ernährung einzuhalten. Ihre Tageskalorien durften entsprechend nur zu maximal 10 Prozent aus Kohlenhydraten bestehen, daneben zu 30 Prozent aus Proteinen und zu rund 60 Prozent aus Fetten. Eine Kalorienobergrenze wurde ihnen nicht vorgeschrieben.
Einmal wöchentlich sollten die Probanden bei den Forschern vorstellig werden. Per Blutentnahme ermittelten Sethi und ihr Team bei ihnen den Ketonspiegel, sprich, ob die ketogene Ernährung eingehalten wurde bzw. funktionierte. Darüber hinaus unterzogen sie die Probanden verschiedenen Tests zur Beurteilungen ihres mentalen Gesundheitszustands und befragten sie zu ihrem Befinden.
Erkenntnisse
Vor Untersuchungsbeginn hatten laut der Studiendokumentation 29 Prozent der Probanden bereits erste Anzeichen eines metabolischen Syndroms aufgewiesen. Diese Tendenzen hatten sich nach dem vierwöchigen Untersuchungs- bzw. Diätzeitraum vollständig verflüchtigt und das, obwohl die Probanden ihre nebenwirkungsreichen Medikamente weiter eingenommen hatten. „Im Durchschnitt verloren die Teilnehmer zehn Prozent ihres Körpergewichts“, heißt es da, „verringerten ihren Taillenumfang um rund elf Prozent und hatten einen niedrigeren Blutdruck“. Auch verbesserten sich bei ihnen der Body-Mass-Index (BMI) sowie verschiedene Blutwerte. Insulinresistenzen, die vor der Untersuchungsaufnahme bestanden hatten, waren nicht mehr messbar.
Daneben hatte offenbar auch die mentale Gesundheit der Probanden von der Behandlung profitiert. Dies ermittelten die Forscher unter Nutzung der „Clinical global impression scale“, eine von Psychiatern entwickelte, objektive Bewertungsskala für den klinischen Gesamteindruck bei psychischen Erkrankungen.3 Die ketogene Ernährung schien demzufolge zu einer Verbesserung des Krankheitszustands um durchschnittlich 31 Prozent beigetragen zu haben. Darüber hinaus berichteten die Studienteilnehmer selbst von einer höheren Schlafqualität und beschrieben sich allgemein als zufriedener.
Vermutung einer Dosis-Wirkungs-Beziehung – was das bedeutet
Die Blutwerte zeigten, dass sich bis zum Ende des Untersuchungszeitraums 14 der Studienteilnehmer durchgehend an die vorgeschriebene Diät gehalten hatten. Sechs von ihnen blieben „halbwegs“ bei einer ketogenen Ernährung und nur einer schlug gänzlich aus.
Die ermittelten positiven Effekte seien bei den konsequenten Probanden am auffälligsten gewesen, erklärt dazu Studienhauptautorin Sethi. Doch auch bei der zweiten Gruppe – bei denjenigen also, die sich zumindest halbwegs an die Diät gehalten hatten – waren sie immer noch feststellbar. Man könnte daher von einer „Dosis-Wirkungs-Beziehung“ ausgehen. Der Begriff steht in der Wissenschaft für den funktionalen Zusammenhang zwischen der Dosis eines (Arznei-)Stoffs und der sich daraus ergebenden Wirkung.4 Das würde in diesem Fall wohl bedeuten, dass bei zwischenzeitlichem Nicht-Einhalten der offensichtlich empfohlenen Ernährungsform der Behandlungseffekt nicht gänzlich hinfällig ist. Je beharrlicher jedoch man die ketogene Ernährung einhält, desto stärker der Effekt.

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Einschränkungen der Studie
Die Forscher weisen einschränkend auf die geringe Anzahl an Probanden hin. Auch könnte es die Belastbarkeit der Ergebnisse etwas verzerren, dass diese sich freiwillig für die Teilnahme gemeldet hatten. Zudem wurden in der Auswertung der sozioökonomische Status der Probanden wie auch demografische Merkmale nicht berücksichtigt.
Wie oben kurz erwähnt, ist die ketogene Ernährung womöglich nicht bedingungslos zu empfehlen. FITBOOK berichtete bereits über eine Untersuchung, in der unmittelbare positive Effekte auf verschiedene Krankheiten zwar bestätigt werden konnten, der zufolge langfristig die gesundheitlichen Risiken jedoch zu überwiegen scheinen.5 Zudem kann man bei einer vermeintlichen ketogenen Ernährung auch einiges falsch machen. Den Fokus auf Fette und Proteine zu legen, bedeutet etwa nicht, dass man morgens, mittags und abends rotes Fleisch und Cholesterinreiches zu sich nehmen sollte. Doch oft wird es so verstanden. In dem Fall könnte man sich – insbesondere mit vorhandenen gesundheitlichen Vorbelastungen – mehr Probleme bereiten, als Gutes tun. Bevor Sie eigenmächtig eine Ernährungsumstellung durchführen: Wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt.