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Studie

Impfung gegen Gürtelrose kann Risiko für Demenz um 20 Prozent senken

Impfung gegen Demenz?
Die Schutzwirkung der Impfung scheint insbesondere Frauen vor Demenz zu bewahren Foto: GettyImages/peterschreiber.media

4. April 2025, 14:28 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Eine neue Studie liefert die bislang überzeugendsten Hinweise darauf, dass eine Gürtelrose-Impfung nicht nur gegen das Virus selbst schützt, sondern auch das Risiko für Demenz senken kann – und das deutlich. Für ältere Menschen könnte das eine bislang unterschätzte Chance zur Prävention bedeuten. Das Besondere: Die Studie stützte sich auf ein zufälliges „natürliches Experiment“.

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Bei einer Demenz verschlechtern sich fortlaufend die geistigen Fähigkeiten, bis zum völligen Verlust. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit jedes Jahr fast zehn Millionen Neuerkrankungen.1 Jahrzehntelange Demenzforschung, die sich weitgehend auf die Ansammlung von Plaques im Gehirn konzentrierte, führte bisher nicht zu den erhofften Durchbrüchen in der Prävention oder Behandlung. Deshalb stützten sich Wissenschaftler der Stanford University auf einen anderen Ansatz: die Rolle bestimmter Virusinfektionen. In einer groß angelegten Analyse untersuchten sie, ob eine Impfung gegen Gürtelrose einen kausalen Effekt auf das Risiko von Demenz haben könnte.1

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Was und warum wurde untersucht?

Herpes-Zoster, besser bekannt als Gürtelrose, wird durch eine Reaktivierung des sogenannten Varizella-Zoster-Virus (VZV) verursacht – dem gleichen Erreger, der Windpocken auslöst. Einmal infiziert, verbleiben die Viren schlummernd im Körper. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass eben solche neurotrope Viren, die bevorzugt Nervenzellen angreifen, eine Rolle bei der Entstehung von Demenz spielen könnten.2,3 Gleichzeitig mehren sich Belege dafür, dass Impfungen, vor allem solche mit Lebendimpfstoffen, sogenannte „off-target“-Effekte haben – also Wirkungen, die über den eigentlichen Infektionsschutz hinausgehen.4,5 Das können unerwünschte aber auch erwünschte Effekte sein, wie eine Risikominderung bei Demenz.

Ziel dieser Studie war, den möglichen kausalen Zusammenhang zwischen der Gürtelrose-Impfung und einem verringerten Demenzrisiko zu untersuchen. Denn frühere Studien zeigten zwar Zusammenhänge zwischen Impfungen und seltenerer Demenzdiagnose, litten aber unter methodischen Schwächen.6 Dr. Pascal Geldsetzer, leitender Autor der Studie, erklärt diesen Missstand in einer Pressemitteilung: „Alle diese Assoziationsstudien leiden unter dem Grundproblem, dass sich geimpfte Menschen anders verhalten als ungeimpfte (bspw. hinsichtlich Ernährung und Bewegung, A. d. R.). Im Allgemeinen werden sie als nicht ausreichend stichhaltig angesehen, um Empfehlungen auszusprechen.“7

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Wissenschaftler nutzten ein natürliches Experiment

Bei der Einführung eines Gürtelrose-Impfstoffs 2013 in Wales erkannte Dr. Geldsetzer ein zufällig auftretendes „natürliches Experiment“, das die Probleme vorangegangener Studien zu umgehen schien. Der damals verwendete Impfstoff enthielt eine abgeschwächte Form des Virus, war also ein Lebendimpfstoff. Das damalige Impfprogramm sah vor, dass jeder, der zum Start am 1. September 2013 79 Jahre alt war, ein Jahr lang impfberechtigt war. Sprich, Personen, die 78 Jahre alt waren, waren im darauffolgenden Jahr ebenfalls impfberechtigt. Personen, die zu Beginn des Impfprogramms 80 Jahre oder älter waren, hatten salopp gesagt Pech – sie würden nie impfberechtigt sein. Grund hierfür war die Rationierung des begrenzt verfügbaren Impfstoffes.

Die Forschenden nutzten diesen Stichtag für ein sogenanntes Regression-Discontinuity-Design, eine etablierte Methode der Kausalanalyse. Als Datenquelle diente die SAIL-Datenbank mit Gesundheitsakten von rund 80 Prozent der walisischen Bevölkerung. Die Analyse umfasste 282.541 Erwachsene ohne Demenzdiagnose zu Beginn des Programms und verfolgte sie über sieben Jahre. Neben dem Einfluss auf Demenz wurde auch überprüft, ob andere Gesundheitsfaktoren (z. B. Vorsorgeverhalten, bestehende Krankheiten) systematisch über die Stichtagesgrenze variierten – was nicht der Fall war. Zusätzlich wurden alternative statistische Modelle (u. a. Difference-in-Differences mit Instrumentvariablen) eingesetzt, um die Robustheit der Ergebnisse zu sichern.

Die Impfung reduzierte das Risiko für Demenz um 20 Prozent

Die Gürtelrose-Impfung reduzierte das Risiko, in den sieben Jahren Nachbeobachtungszeit an Demenz zu erkranken, signifikant. Wer die Impfung erhielt, hatte eine um 3,5 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für eine Demenzdiagnose, was einer relativen Reduktion um stolze 20 Prozent entspricht. Außerdem war das reduzierte Demenzrisiko der einzig feststellbare „off-target“-Effekt des Impfstoffes. Andere Krankheiten, Todesursachen oder Vorsorgemaßnahmen blieben unbeeinflusst.

Geldsetzer betont die Relevanz der Ergebnisse: „Was die Studie so aussagekräftig macht, ist, dass es sich im Wesentlichen um eine randomisierte Studie mit einer Kontrollgruppe – also denjenigen, die etwas zu alt sind, um für die Impfung infrage zu kommen – und einer Interventionsgruppe – denjenigen, die gerade jung genug sind, um für die Impfung infrage zu kommen – handelt.“ Dieses Studiendesign gilt in der Wissenschaft als Goldstandard.

Wirkung war bei Frauen stärker

Bei Frauen war die Schutzwirkung der Impfung gegen Demenz stärker ausgeprägt als bei Männern. Dies könnte laut Geldsetzer auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Immunantwort oder in der Art und Weise zurückzuführen sein, wie Demenz entsteht. So reagieren Frauen im Durchschnitt stärker auf Impfungen, und Gürtelrose tritt bei Frauen häufiger auf als bei Männern.

Studienautor spricht von „bemerkenswertem Befund“

Auch bei der Verwendung eines alternativen Analysemodells blieben die Ergebnisse nahezu identisch. Die Wirkung trat nicht sofort ein, sondern begann etwa ein Jahr nach der Impfung – ein zeitlicher Verlauf, der auf immunologische Mechanismen hinweist. In England wurde der Effekt zudem durch eine Analyse von Todesursachen-Daten bestätigt: Auch dort verringerte sich die Zahl der demenzbedingten Todesfälle signifikant unter den Impfberechtigten. „Das war ein wirklich bemerkenswerter Befund“, sagte Geldsetzer. „Dieses enorme Schutzsignal war vorhanden, egal, wie man die Daten betrachtete.“

In den vergangenen zwei Jahren konnten Geldsetzer und sein Team die Ergebnisse aus Wales anhand von Gesundheitsdaten aus weiteren Ländern, darunter Australien, Neuseeland und Kanada, reproduzieren, in denen der Impfstoff ähnlich eingeführt wurde. „Wir sehen in jedem Datensatz dieses starke Schutzsignal gegen Demenz.“

Bedeutung der Ergebnisse

Die Ergebnisse dieser Studie sind sowohl für die Demenzprävention als auch für die Gesundheitspolitik von großer Bedeutung. Sie liefern robuste Hinweise darauf, dass die Gürtelrose-Impfung mit einem geringeren Risiko für Demenz einhergeht – und das in einem Studiendesign, das kausale Aussagen erlaubt. Dies ist bemerkenswert, da es bisher kaum wirksame Mittel zur Vorbeugung von Demenz gibt. Zudem ist die Impfung vergleichsweise kostengünstig, gut verträglich und bereits breit verfügbar. Sollte sich der kausale Zusammenhang weiter bestätigen, könnte die Impfung zu einem wichtigen Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge werden – insbesondere für Frauen.

Stärken und Schwächen der Studie

Die Studie nutzt ein außergewöhnlich starkes Studiendesign, das Verzerrungen durch nicht messbare Unterschiede (z. B. Gesundheitsverhalten, Bildung) nahezu ausschließt. Dank der klaren Stichtagsregelung und umfangreicher Analysen konnten alternative Erklärungen – wie andere zeitgleich eingeführte Maßnahmen – ausgeschlossen werden. Auch verschiedene Sensitivitätsanalysen bestätigten die Ergebnisse.

Dennoch bleiben gewisse Einschränkungen: Die Analyse bezog sich ausschließlich auf die Lebendimpfung Zostavax – für den mittlerweile verbreiteten Totimpfstoff Shingrix liegen keine Daten aus diesem Design vor. Zudem war die Beobachtungsdauer auf sieben Jahre beschränkt. Ein weiteres Limit ist die Altersgruppe: Die Ergebnisse gelten vorrangig für Menschen im Alter von 79 bis 80 Jahren. Zudem ist die genaue biologische Ursache des Effekts bisher nicht vollständig geklärt – denkbar sind sowohl virusbedingte als auch immunologische Mechanismen.

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Fazit: Kann ich diese Impfung erhalten?

Diese Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass die Herpes-Zoster-Impfung nicht nur Gürtelrose verhindern, sondern auch das Risiko für Demenz deutlich senken kann – insbesondere bei Frauen. Sollten diese Ergebnisse in weiteren Studien bestätigt werden, hätte dies erheblichen Einfluss für die Impfpolitik und Demenzprävention. Die Impfung könnte damit einen bisher unterschätzten gesundheitlichen Zusatznutzen bieten – ohne Zusatzkosten, aber mit großem Potenzial.

In Deutschland ist eine Impfung gegen Gürtelrose von der STIKO für alle Personen ab 60 Jahren empfohlen – allerdings mit einem Totimpfstoff.8 Und tatsächlich stellt die Pharmaindustrie den in der Studie untersuchten Impfstoff nicht mehr her. Geldsetzer bemüht sich daher aktuell um eine Finanzierung, um das Zostavax in einer eine großen, randomisierten, kontrollierte Studie weiter zu untersuchen. Die Teilnehmer würden nach dem Zufallsprinzip entweder dem Lebendimpfstoff oder einer Placebo-Impfung zugeteilt werden. „Es wäre ein sehr einfacher, pragmatischer Versuch, da es sich um einen einmaligen Eingriff handelt, von dem wir wissen, dass er sicher ist“, sagte er. „Wenn wir zumindest einen Teil unserer Ressourcen in die Untersuchung dieser Wege investieren, könnte dies zu Durchbrüchen bei der Behandlung und Prävention führen.“

Themen Demenz

Quellen

  1. Eyting, M., Xie, M., Michalik, F. et al. (2025). A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature. ↩︎
  2. Wainberg, M., Luquez, T., Koelle, D. M. et al. (2021). The viral hypothesis: how herpesviruses may contribute to Alzheimer's disease. Molecular Psychiatry. ↩︎
  3. Devanand, D. P. (2018). Viral Hypothesis and Antiviral Treatment in Alzheimer's Disease. Current Neurology and Neuroscience Reports. ↩︎
  4. Benn, C.S., Fisker, A. B., Rieckmann, A. et al. (2020). Vaccinology: time to change the paradigm? The Lancet Infectious Diseases. ↩︎
  5. Aaby, P., Benn, C. S., Flanagan, K. L. et al. (2020). The non-specific and sex-differential effects of vaccines. Nature Reviews Immunology. ↩︎
  6. Wu, X., Yang, H., He, S. et al. (2022). Adult Vaccination as a Protective Factor for Dementia: A Meta-Analysis and Systematic Review of Population-Based Observational Studies. Frontiers in Immunology. ↩︎
  7. Stanford Medicine. Study strengthens link between shingles vaccine and lower dementia risk. EurekAlert! (aufgerufen am 04.04.2025) ↩︎
  8. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Gürtelrose-Impfung bei Erwachsenen. (aufgerufen am 04.04.2025) ↩︎

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