
2. April 2025, 11:13 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
„Das kann dein Leben retten!“ Mit dieser dramatischen Ansage beginnt ein Video auf einer Social-Media-Plattform, in dem eine Frau erklärt, wie man sich bei einem Herzinfarkt angeblich selbst helfen kann. Ihr Rezept: tief einatmen, dann alle zwei Sekunden kräftig husten. Das soll das Herz stabilisieren, den Blutfluss aufrechterhalten und das Bewusstsein länger erhalten. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. FITBOOK hat das Video einem Kardiologen gezeigt.
Das Internet ist voller Tipps und Tricks. Gerade ist einem meiner Kollegen dieser hier begegnet: Husten als Notfallmaßnahme bei einem Herzinfarkt. „Stell dir folgende Lebenssituation vor: Du gehst alleine am Abend, müde von der Arbeit und plötzlich verspürst du einen starken Schmerz in der Brust, der in den Arm hochzieht und sogar bis in den Kiefer. Bevor man bei einem Herzinfarkt das Bewusstsein verliert, hat man zehn bis 15 Sekunden, um sich selbst zu helfen. Bis das Herz anfängt, unregelmäßig zu schlagen und man merkt, dass man gleich bewusstlos wird. Aber wenn du in diesem Moment nicht in Panik verfällst, kannst du dir selbst helfen mit mehrfachem und kräftigem Husten.“ Sicher nicht nur ich finde: Wenn es um lebensbedrohliche Situationen geht, sollte man sich auf fundierte Medizin verlassen. Husten als Notfallmaßnahme bei einem Herzinfarkt? FITBOOK hat das Video dem Kölner Kardiologen Dr. med. Christopher Schneeweis gezeigt. Seine Reaktion.
Übersicht
„Wie überlebt man einen Herzinfarkt, wenn man alleine ist?“
„Wie überlebt man bei einem Herzinfarkt, wenn man alleine ist?“ Der TikTok-Kanal „Gesundheit mit Julsvita“ möchte uns das in einem Ende März hochgeladenen Video erklären. Darin spricht eine Frau (Julsvita?) und blickt uns mit ernsthaft besorgtem Blick an. „Wie macht man es? Zunächst holst du tief Luft. Und dann alle zwei Sekunden kräftig und schnell husten“, spricht, „Julsvitas“ in ihre Kamera. Das Thema: Herzinfarkt!
Diese Technik müsse man, so „Julsvita“, mehrmals wiederholen, „bis du merkst, dass dein Herz wieder normal schlägt.“ Die tiefen Atemzüge würden dem Sauerstoff helfen, in die Lungen zu gelangen und das ruckartige Husten lasse das Herz sich zusammenpressen und unterstütze die Blutzirkulation, führt sie in dem Video aus. „So kann der Mensch sich selbst helfen und sein eigenes Leben retten.“
Husten also gegen Herzinfarkt. Ernsthaft?
Husten gegen Herzinfarkt – was sagt die Wissenschaft?
Wir haben das 9000-mal geteilte und reichlich kommentierte Video dem Kardiologen Dr. med. Christopher Schneeweis gezeigt. Seine Reaktion? Ernüchternd.
„Das wäre sicherlich zu schön, wenn es funktionieren würde“, stellt er klar. Die Grundidee der These erklärt er so, dass durch die tiefe Einatmung und das Husten das autonome Nervensystem, und hier überwiegend der Vagus Nerv stimuliert werde und die Blutflussverhältnisse sich ändern könnten. „Dies kann theoretisch dazu führen, dass der Herzrhythmus sich verlangsamt“, sagt Schneeweis.
Doch genau hier liegt das Problem: Ein Herzinfarkt ist keine simple Rhythmusstörung. „Die meisten Patienten können leider sehr schwerwiegende Rhythmusstörungen erleiden und Husten reicht hier nicht aus, um einen drohenden plötzlichen Herztod zu verhindern“, erklärt Dr. Schneeweis im Gespräch mit FITBOOK. Der eigentliche Auslöser eines Herzinfarkts – ein Blutgerinnsel, das ein Herzkranzgefäß verstopft – löse sich durch Husten nicht auf.
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Gefährlicher Mythos: Zeit verlieren kann tödlich sein
Noch gefährlicher ist der Trugschluss, man könne durch Husten wertvolle Zeit überbrücken und sich „selbst retten“. Tatsächlich zeige die Erfahrung: „In etwa 40 Prozent der Fälle ist der plötzliche Herztod das erste Symptom eines Herzinfarkts.“
Wer in dieser Situation auf nicht wissenschaftlich verifizierte Social-Media-Tipps setzt, statt sofort den Notruf zu wählen, könnte wertvolle Minuten verlieren – und genau diese Minuten entscheiden über Leben und Tod.
In diesem Video klärt Dr. Schneeweis auf über vermeidbare Risikofaktoren für Herzkrankheiten, die jeder kennen sollte
„Sollte man nicht lieber die Rettung rufen, bevor man hustet?“
Einige User bedanken sich tatsächlich für „die super gute Info“. Manche haben aus guten Gründen Zweifel an der Technik. „Sollte man nicht lieber die Rettung rufen, bevor man hustet?“, wendet etwa „Lucia“ ein. Andere, die ganz offensichtlich besser Bescheid wissen als „Gesundheit mit Julsvita“, werden deutlicher. „Wenn die Gefäße zu sind, sind sie zu. Da hilft kein Husten. Bei solchen Symptomen: Notarzt rufen, schon mal die Tür aufmachen.“

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Was tun bei Verdacht auf Herzinfarkt?
Dr. Schneeweis gibt eine klare Handlungsempfehlung: „Call 112 ASAP!“ Also sofort den Notruf wählen. Wer typische Symptome wie starke Brustschmerzen, Schmerzen, die in den Arm oder Kiefer ausstrahlen, oder Luftnot verspürt, sollte nicht zögern.
Bis der Rettungsdienst eintrifft, ist es am wichtigsten, Ruhe zu bewahren und sich hinzusetzen, um den Kreislauf zu entlasten. Und nach Möglichkeit natürlich jemanden verständigen, um nicht alleine zu sein.