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Laut Studie

Wer sein „schlechtes“ Cholesterin senkt, kann Demenzrisiko um 26 Prozent verringern

Cholesterin soll mit Demenz im Zusammenhang stehen
Offenbar hat Cholesterin nicht nur etwas mit der Gesundheit des Herzens, sondern auch unserer Hirngesundheit zu tun Foto: Getty Images/Science Photo Libra

2. April 2025, 13:07 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Während LDL als das „schlechte“ Cholesterin gilt, weil es Herzerkrankungen begünstigen kann, bezeichnet man HDL im Allgemeinen als das „gute“ Cholesterin. Doch offenbar können beide – je nach Wert – eine negative Rolle hinsichtlich der Gehirngesundheit spielen. Eine aktuelle Analyse aus Korea zeigt, dass Menschen mit besonders niedrigen LDL-Werten seltener an Demenz erkrankten – sogar dann, wenn sie Cholesterinsenker einnahmen. Doch auch hohe HDL-Werte scheinen kein Garant für Schutz zu sein.

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Die Rolle von LDL-Cholesterin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist gut belegt: So können erhöhte Werte das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall steigern. Ob das LDL-Cholesterin auch das Risiko für Demenz beeinflussen kann, war hingegen lange umstritten. Eine neue multizentrische Studie aus Südkorea hat die Verbindung zwischen LDL-Cholesterinwerten und dem Demenzrisiko untersucht und die Ergebnisse im renommierten „Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry (BMJ)“ veröffentlicht. Das Besondere: Die Untersuchung berücksichtigte nicht nur den LDL-Wert an sich, sondern auch, ob und wie Statine (Cholesterinsenker) das Demenzrisiko zusätzlich beeinflussen.

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HDL versus LDL

Bei den Cholesterinwerten unterscheidet man zwischen den beiden Lipoproteinen LDL („Low Density Lipoprotein“) und HDL („High Density Lipoprotein“). Ersteres gilt als das „schlechte“ Cholesterin, weil es den fettartigen Naturstoff Cholesterin aus der Leber in verschiedene Gewebe transportiert. Dadurch kann es zu Fettablagerungen in den Blutgefäßen (und zu entsprechenden Folgeerkrankungen) kommen. Dagegen transportiert das „gute“ Cholesterin, also das HDL, eben jenes Cholesterin wieder zurück in die Leber. Es bewirkt so, dass es über die Galle aus dem Körper ausgeschieden werden kann.

Doch nicht nur hinsichtlich der Herzgesundheit sollten die Cholesterinwerte im Blick gehalten werden, auch beim Thema Demenz rücken sie zunehmend in den Fokus der Forschung.

Verbindung zwischen Cholesterin und kognitiver Gesundheit?

Während die Rolle von LDL-Cholesterin bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gut belegt ist, ist sie bei Demenz hingegen umstritten. Während frühere Beobachtungsstudien und Warnungen der US-Arzneimittelbehörde FDA einen Zusammenhang zwischen sehr niedrigen LDL-Werten und kognitivem Abbau vermuteten, liefern aktuelle klinische ein gegenteiliges Bild.1 Die vorliegende Studie wollte diese Unsicherheit durch eine umfangreiche Analyse klären. Die Wissenschaftler untersuchten, ob niedrige LDL-Werte mit einem geringeren Risiko für Demenz (jeglicher Ursache) und Alzheimer-assoziierte Demenz (ADRD) verbunden sind. Zusätzlich wurde geprüft, ob Statine diesen Effekt modifizieren.

Die Untersuchung könnte helfen, präzisere LDL-Zielwerte in der Demenzprävention zu definieren und zeigt, wie eng die Blutfettwerte mit kognitiver Gesundheit zusammenhängen.

Ablauf der Studie

Bei der Studie handelt es sich um eine retrospektive, vergleichende Kohorte, welche die Daten von elf Universitätskliniken aus Südkorea analysierte. Untersucht wurden Patienten ab 18 Jahren. Ausschlusskriterien waren unter anderem bestehende Demenzdiagnosen oder weniger als 180 Tage Beobachtungszeit vor Aufnahme in die Kohorte.

Die Einteilung der Probanden erfolgte anhand der zu Beginn gemessenen LDL-Cholesterinwerte:

  • Gruppe 1: Weniger als 70 Milligramm LDL-Cholesterin pro Deziliter Blut (bzw. weniger als 1,8 Millimol pro Liter)
  • Gruppe 2: Weniger als 55 Milligramm LDL-Cholesterin pro Deziliter Blut (bzw. weniger als 1,4 Millimol pro Liter)
  • Referenzgruppe: Mehr als 130 Milligramm LDL-Cholesterin pro Deziliter Blut (bzw. mehr als 3,4 Millimol pro Liter)

Die Studie nutzte ein 1:1-Propensity-Score-Matching, um Probanden aus Gruppe 1 mit der Referenzgruppe zu vergleichen. Dadurch wurden jeweils 108.980 Probanden pro Gruppe hinsichtlich Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Medikation, Rauch- und Alkoholkonsum statistisch vergleichbar gemacht. Von primärem Interesse waren das Auftreten jeglicher Demenz und speziell ADRD. Als sekundäres Forschungsziel untersuchten die Wissenschaftler LDL-Schwellenwerte unter 55 Milligramm pro Deziliter (Gruppe 2) sowie den Einfluss der Einnahme von Statinen.

Auch interessant: „Gutes“ Cholesterin könnte Risiko für Grünen Star erhöhen

Niedriges LDL-Cholesterin kann Demenzrisiko um 26 Prozent verringern

Die Analyse ergab: Personen mit LDL-Werten unter 70 Milligramm pro Deziliter hatten ein um 26 Prozent geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, verglichen mit der Referenzgruppe (mehr als 130 Milligramm pro Deziliter). Für Alzheimer-assoziierte Demenz (ADRD) lag die Risikoreduktion sogar bei 28 Prozent. Probanden aus Gruppe 2, die noch niedrigere LDL-Werte aufwiesen (unter 55 Milligramm pro Deziliter) hatten ein um 18 Prozent geringeres Risiko. Ein „je weniger, desto besser“-Effekt greift hier also nicht. Das zeigte sich auch, als die Studienautoren Personen mit extrem niedrigen Werten unter 30 Milligramm pro Deziliter betrachteten; hier war kein zusätzlicher Vorteil mehr zu sehen.

Auch die Einnahme von Statinen hatte einen eigenständigen Schutzeffekt. In Gruppe 1 reduzierte sich das Risiko für alle Demenzformen bei Statin-Nutzern um weitere 13 Prozent, bei ADRD um 12 Prozent, im Vergleich zu Nichtnutzern. Interessanterweise war dieser Schutzeffekt nicht mehr nachweisbar, wenn der LDL-Wert unter 55 Milligramm pro Deziliter (Gruppe 2) lag. Insgesamt deuten die Daten auf einen Schwellenwert-Effekt hin, bei dem Werte unter 70 Milligramm pro Deziliter optimal scheinen, ohne dass ein weiteres Absinken zusätzlichen Nutzen bringt.

Bedeutung und Einordnung der Studie

Diese Studie liefert robuste Hinweise darauf, dass ein gezieltes Management des LDL-Cholesterins nicht nur Herzinfarkte, sondern auch Demenz verhindern könnte – ein wichtiger Schritt für die Präventivmedizin. Besonders relevant ist der Hinweis auf den Schwellenwert von unter 70 Milligramm pro Deziliter, welcher mit dem größten kognitiven Nutzen verbunden war, während extrem niedrige Werte keinen weiteren Vorteil zu bringen scheinen. Dies könnte in der Praxis helfen, unnötig aggressive Therapien zu vermeiden. Zudem scheint die Kombination aus niedrigen LDL-Werten und Statineinnahme besonders wirksam zu sein – möglicherweise aufgrund zusätzlicher schützender Effekte der Statine auf die Gefäße und Entzündungen im Gehirn.

So könnten Mediziner zukünftig LDL-Zielwerte nicht nur bzgl. Herzerkrankungen, sondern auch bei Demenz heranziehen. Zudem eröffnet sich für Personen mit erhöhtem Demenzrisiko, etwa durch familiäre Vorbelastung, eine weitere präventive Stellschraube, auf die sie im Alltag achten können.

Die Studie überzeugt durch ihre hohe Probandenanzahl, methodische Sorgfalt und standardisierte Datenauswertung. Dennoch gibt es Einschränkungen: Die LDL-Werte wurden nur einmalig erfasst, individuelle Einflussfaktoren wie Ernährung oder Bewegung blieben teils unbeachtet. Warum extrem niedrige LDL-Werte bei Statin-Nutzern keinen zusätzlichen Nutzen brachten, bleibt unklar. Zudem erlaubt das retrospektive Design keine kausalen Aussagen. Künftige Langzeitstudien mit wiederholten Messungen sind nötig, um die Zusammenhänge besser zu verstehen.

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Auch hohe HDL-Werte können das Risiko für Demenz offenbar erhöhen

Das HDL-Cholesterin ist als der „gute“ Gegenspieler des LDL-Cholesterins bekannt. Doch dieses Saubermann-Image wird mittlerweile von einigen Forschern angezweifelt. So kam eine amerikanische Untersuchung zu dem Schluss: Das Vorhandensein von HDL bedeutet, anders als lange angenommen, nicht bei jeder Person einen gewissen Schutz vor Herzerkrankungen (FITBOOK berichtete). Und auch in puncto Demenz bröckelt die Fassade: Eine australische Studie aus 2023 lieferte Hinweise, dass auch das „gute“ Cholesterin womöglich einen Risikofaktor für Demenz darstellt.

Was wurde untersucht?

Die Studienautoren untersuchten Daten aus einer Langzeitstudie des American College of Cardiology – der „Aspirin in Reducing Events in the Elderly (ASPREE)“ – auf einen möglichen Zusammenhang zwischen dem HDL-Cholesterin (HDL-C) und Demenz. Insgesamt standen den Forschern die Daten von 18.668 Studienteilnehmern zur Verfügung.2

Hohe HDL-Werte erhöhten das Risiko um 27 Prozent

4,6 Prozent der Probanden entwickelten über einen Zeitraum von 6,3 Jahren Demenz. Und tatsächlich fanden die Wissenschaftler bei ihrer Analyse Hinweise darauf, dass es einen Zusammenhang zwischen einem hohen HDL-C-Wert und Demenz gibt. So kamen die Forscher zu der Erkenntnis, dass Studienteilnehmer mit einem hohen HDL-C-Wert (über 80 Milligramm pro Deziliter) ein 27 Prozent höheres Demenzrisiko hatten. Interessant ist auch, dass das Alter eine gewisse Rolle zu spielen scheint. Denn das Risiko für die neurologische Erkrankung war bei den älteren Probanden (75 Jahre und älter) höher als bei den Personen unter 75 Jahren. Doch auch bei den jüngeren Teilnehmern zeigte sich ein erhöhtes Risiko für Demenz bei erhöhtem HDL-Cholesterin.

Experten erklären: So hoch darf das Cholesterin sein

Die meisten Menschen wissen, dass hohe Cholesterinwerte ungesund sind. Weniger klar ist für viele, welche Werte in Ordnung sind – und entsprechend, welche eben nicht. Hier schaffte im Gespräch mit FITBOOK u. a. Internist und Ernährungsmediziner Matthias Riedl Klarheit: „Der Wert für das Gesamtcholesterin sollte unter 200 mg/dL liegen. Das LDL-Cholesterin sollte einen Wert von 150 mg/dL nicht überschreiten.“ Ergänzend fügte er hinzu: „Falls Sie aber Raucher sind, Bluthochdruck oder Übergewicht haben, ist ein Wert von 100 mg/dL besser für Sie, um so das Herzkreislauf-Risiko zu senken.“ Bezüglich des HDL-Cholesterins empfiehlt Prof. Dr. med. Johannes Wechsler, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner: „Das HDL sollte bei Frauen möglichst über 45 mg/dL liegen, bei Männern über 40 mg/dL.“ Welche Tipps die Experten hatten, um Cholesterinwerte auf natürliche Weise zu senken, erfahren Sie hier.

Forscher empfehlen, auch HDL-Wert bei der Demenz-Früherkennung zu berücksichtigen

Die Forscher hielten ihre Studienerkenntnisse für so signifikant, dass sie dafür plädieren, HDL-Werte für die Früherkennung bzw. Beurteilung eines erhöhten Demenzrisikos heranzuziehen. Die Studie konnte allerdings ebenfalls keine Kausalität aufzeigen und nicht erklären, warum und wie das HDL-Cholesterin Demenz begünstigt. Doch klar ist: Es verdichten sich die Zeichen dafür, dass die Aufteilung in „gutes“ und „schlechtes“ Cholesterin zu simpel gedacht ist und die komplexe Realität der Prozesse im Körper nicht korrekt widerspiegelt.

Themen Demenz

Quellen

  1. Beydoun, M. A., Beason-Held, L. L., Kitner-Triolo, M. H. et al. (2011). Statins and serum cholesterol's associations with incident dementia and mild cognitive impairment. Journal of Epidemiology and Community Health. ↩︎
  2. Hussain, S.M., Robb, C., Tonkin, A.M. et al. (2023). Association of plasma high-density lipoprotein cholesterol level with risk of incident dementia: a cohort study of healthy older adults. The Lancet. ↩︎

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