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Studie zu Multiple Sklerose

Bestimmtes Vitamin könnte beginnende MS verlangsamen

Geschädigter Nerv, wie er bei MS typisch ist
Vitamin D könnte bei MS eine größere Rolle spielen als bisher gedacht Foto: Getty Images/Science Photo Library RF

3. April 2025, 11:17 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Taubheitsgefühl, kribbelnde Hände oder Augenbeschwerden – subtile Beschwerden, die immer mal wieder auftreten und zunächst kaum beachtet werden. Doch dann erhält man die Nachricht: Es könnte sich um Multiple Sklerose handeln! Eine Erkrankung, die in Schüben auftritt und von Person zu Person sehr unterschiedlich verlaufen kann. Zu Beginn können Symptome sogar zunächst wieder ganz verschwinden – bis zum nächsten Schub. Von diesem weiß niemand, wie heftig er wird und welche Beschwerden zurückbleiben. Eine Schlüsselrolle für eine gewisse Beeinflussung des Krankheitsverlaufs soll laut einer aktuellen Studie Vitamin D spielen können.

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Im Zusammenhang mit Multiple Sklerose findet Vitamin D schon länger Beachtung. Die Forschung vermutet, dass eine ausreichende Versorgung oder das Gegenteil – ein Mangel – eine Rolle für das Risiko einer Erkrankung spielen könnte.1 Jetzt hat eine Studie Hinweise dafür geliefert, dass Vitamin D nicht nur im Rahmen der Vorbeugung, sondern auch im frühen Stadium einer beginnenden MS-Erkrankung wichtig sein könnte. Wäre eine Supplementierung in der Lage, den Krankheitsverlauf zu bremsen oder die Erkrankung sogar zu stoppen?

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Das klinisch isolierte Syndrom

In der Studie der Université de Montpellier konzentrierten sich Forscher auf ein ganz bestimmtes MS-Stadium: das klinisch isolierte Syndrom. Dabei handelt es sich, vereinfacht gesagt, um den ersten Schub mit Läsionen, die im Gehirn nachweisbar sind, der – sollte ein zweiter Schub folgen – zur offiziellen Diagnose Multiple Sklerose führt. Damit ist das isolierte Syndrom genau genommen ein Vorläufer der eigentlichen Erkrankung.2

Vitamin D als Therapie gegen MS?

Genau hier könnte ein frühes Eingreifen von großer Bedeutung sein – zum einen, um den akuten Schub zu bremsen. Zum anderen könnte es womöglich das Risiko eines zweiten Schubs und des Übergangs in die chronische MS-Erkrankung mit weiteren, meist schlimmeren Schüben mit Gefahr für bleibende Schäden minimieren. Da Vitamin-D-Mangel als ein potenzieller Risikofaktor für MS gilt, untersuchten die Wissenschaftler die Wirkung einer Therapie mit hoch dosiertem Vitamin D.

Während frühere Untersuchungen den Einsatz von Vitamin D begleitend zu Standardtherapien untersuchten, erforschten Wissenschaftler jetzt die alleinige Anwendung von Vitamin D.3

MS-Standardtherapien

Die MS-Standartherapien beinhalten häufig die akute Schubtherapie mit entzündungshemmenden Mitteln. Zusätzlich können im Verlauf der Erkrankung immunprophylaktische Therapien hinzukommen, um weiteren Schüben mit bleibenden Folgen bis hin zu Behinderungen vorzubeugen.4

Ablauf der Studie

Die Studie wurde an 36 MS-Zentren in Frankreich durchgeführt und dauerte zwei Jahre. Zwischen Juli 2013 und Dezember 2020 wurden 316 Patienten im Alter von 18 bis 55 Jahren für die Untersuchung rekrutiert.

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Aufnahmekriterien waren:

  • Vorliegen des erwähnten klinisch isolierten Syndroms (clinically isolated syndrome, CIS) – mit einer Dauer von weniger als 90 Tagen
  • Bislang keine Behandlung wegen MS
  • Serum-Vitamin-D-Konzentration von weniger als 100 nmol/L (75,0 bis 150 nmol/l gilt als ausgeglichener Vitamin-D-Haushalt).5 Die Studie umfasste also Personen mit gesunder Vitamin-D-Versorgung sowie Menschen mit Mangel.
  • Vorhandensein typischer MRI-Befunde für MS und der Nachweis bestimmter Indikatoren (Läsionen im Gehirn und im Rückenmark) für ein erhöhtes Risiko der MS-Entwicklung.

Die Probanden wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert: 163 Probanden erhielten oral 100.000 I.E. Cholecalciferol (Vitamin D) alle zwei Wochen, 153 Personen (Kontrollgruppe) ein Placebo – jeweils über 24 Monate.

Im Beobachtungszeitraum von zwei Jahren ermittelten die Forscher die MS-Krankheitsaktivität der Studienteilnehmer, definiert als Rückfall und/oder neue Läsionen im MRT.6

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Wirkung von Vitamin D auf das klinisch isolierte Syndrom

Beendet wurde die Analyse mit 288 Patienten, die die Studie über die vollständigen zwei Jahre hinweg mitmachten. 60,3 Prozent der Vitamin-D-Gruppe erlitten einen MS-Rückfall oder wiesen im MRT neue Läsionen auf. In der Placebo-Gruppe traf dies auf 74,1 Prozent der Teilnehmer zu. Das entspricht einer signifikanten Risikoreduktion von 34 Prozent. Zudem war die Zeit bis zur Krankheitsaktivität in der Vitamin-D-Gruppe deutlich verlängert. Sprich: Bis zum nächsten Schub dauerte es länger.

Klinische Rückfälle allein unterschieden sich jedoch nicht signifikant: 17,9 Prozent in der Vitamin-D-Gruppe vs. 21,8  Prozent unter Placebo. Klinische Rückfälle umfasst Krankheitsschübe mit tatsächlichen Symptomen. Bei im MRT sichtbaren Veränderungen muss dies nicht zwangsläufig so sein. Sie zeigen Entzündungsprozesse an, die ohne akute Beschwerden verlaufen können.

Am meisten von der Vitamin-D-Einnahme profitierten Probanden, die zuvor einen Mangel hatten, Teilnehmer mit BMI im Normalbereich sowie Personen, die zu Beginn der Studie noch keine Läsionen im Rückenmark aufwiesen.7

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Bedeutung der Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen erstmals, dass eine hoch dosierte Vitamin-D-Monotherapie die frühe Krankheitsaktivität bei CIS signifikant reduzieren kann – vor allem was nur in der MRT-Bildgebung sichtbare Entzündungsprozesse betrifft. Diese frühe Phase einer beginnenden MS-Erkrankung ist besonders relevant, da entzündliche Prozesse hier häufig noch weitgehend reversibel sind.

Bemerkenswert ist, dass diese Effekte ohne gleichzeitige Immunmodulation beobachtet wurden – ein Hinweis auf einen eigenständigen, möglicherweise immunregulierenden Effekt von Vitamin D (Cholecalciferol). Zwar blieb der Unterschied bei klinischen Rückfällen ohne Signifikanz, doch die MRT-Ergebnisse sprechen für eine Reduktion der Entzündungsaktivität – ein wichtiger Marker für die Prognose eines MS-Verlaufs.

Für Patienten mit CIS oder frühem MS-Verlauf könnten diese Ergebnisse bedeuten, dass Vitamin D als ergänzende oder sogar initiale Maßnahme denkbar wäre – zumindest bis zur Einleitung einer Standardtherapie. Für Ärzte liefert die Studie eine fundierte Entscheidungsgrundlage für den frühzeitigen Einsatz hoch dosierter Supplementierung bei Vitamin-D-Mangel.

Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen

Die Stärke der Studie liegt in ihrem Studiendesign: randomisiert, doppelblind, placebokontrolliert und mit 288 bis zum Schluss Teilnehmenden in spezialisierten Zentren durchgeführt. Auch die Einhaltung der hohen Dosierung über zwei Jahre hinweg spricht für eine hohe Aussagekraft.

Allerdings gibt es Einschränkungen: Die Wirkung wurde ausschließlich bei unbehandelten CIS-Patienten untersucht. Die Ergebnisse sind daher nicht ohne weiteres auf Patienten mit etablierter MS oder bestehender Immuntherapie übertragbar. Zudem blieb der klinische Effekt bei Rückfällen statistisch unauffällig – was langfristige Relevanz und Einfluss auf Behinderung durch fortgeschrittene MS offenlässt.

Ein weiterer Punkt betrifft die Dosierung: 100.000 I.E. alle zwei Wochen – was auf einzelne Tage heruntergerechnet ca. 7000 i.E. täglich wären –, liegt sehr deutlich oberhalb der DGE-Empfehlung von 800 i.E pro Tag.8 Ob eine solche Dosierung dauerhaft sicher ist, lässt sich aus dieser Studie nicht abschließend beurteilen, auch wenn keine relevanten Nebenwirkungen beobachtet wurden.

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Fazit

Die Erkenntnisse der französischen Wissenschaftler untermauern die Hinweise aus der Forschung, dass Vitamin D im Zusammenhang mit MS von großer Bedeutung ist. Und das offenbar nicht nur, weil ein Mangel das Erkrankungsrisiko erhöht, sondern auch im Rahmen einer Art Ersttherapie bei beginnender MS.

Um sowohl für Ärzte als auch Patienten Sicherheit über die tatsächliche Wirkung sowie sichere Anwendung (z. B. Dosierung) zu gewinnen, ist weitere Forschung notwendig. Doch ist nach aktuellem Wissensstand nicht von der Hand zu weisen, dass Vitamin D im Rahmen von MS-Diagnose und -Behandlung mit bedacht werden sollte.

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Quellen

  1. Mayo Clinic. Vitamin D and MS: Is there any connection? (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎
  2. Multiple Sklerose Gesellschaft Wien. Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎
  3. Mahler, J.V., Solti, M., Apóstolos-Pereira, S.L., et al. (2024). Vitamin D3 as an add-on treatment for multiple sclerosis: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Mult Scler Relat Disord. ↩︎
  4. Neurologen & Psychiater im Netz. Behandlungsmöglichkeiten bei Multipler Sklerose (MS). (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎
  5. Endokrinologikum Hamburg. Vitamin D (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎
  6. Thouvenot, E., Laplaud, D., Lebrun-Frenay, C. et al. (2025). High-Dose Vitamin D in Clinically Isolated Syndrome Typical of Multiple Sclerosis. JAMA. ↩︎
  7. Nield, D. Vitamin D Could Be an Effective Way to Slow Progress of MS. Science Alert (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎
  8. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Vitamin D (aufgerufen am 2.4.2025) ↩︎

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