9. September 2025, 19:49 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Beim statischen Freitauchen, auch Zeittauchen oder Static Apnoe genannt, geht es darum, mit angehaltenem Atem so lange wie möglich unter Wasser zu bleiben. Der Freitaucher Vitomir Maričić schaffte mehr als 29 Minuten. Was Körper und Psyche dabei alles leisten müssen – und wie Freitaucher trainieren.
Weltrekord im Freitauchen: 29 Minuten unter Wasser mit einem einzigen Atemzug
Im Juni 2025 stieg der Freitaucher Vitomir Maričić im kroatischen Opatija vor rund 100 Zuschauern und einer fünfköpfigen Jury in einen kleinen, drei Meter tiefen Hotelpool, ließ sich auf dessen Boden sinken und tauchte erst 29 Minuten und drei Sekunden später wieder auf. Die unglaubliche Leistung brauchte ihm den Weltrekord im Freitauchen – den vorherigen hatte er damit um fast fünf Minuten unterboten. Danach berichtete der 40-jährige Kroate im Freitaucher-Portal „Divernet“ über die körperlichen Qualen, die er währenddessen durchlebt habe. Vor allem für sein Zwerchfell sei es nach 20 Minuten wegen der Kontraktionen schlimm geworden.1 „Aber mental wusste ich, dass ich nicht aufgeben würde“, sagte Maričić.
Vor dem Tauchgang atmete Maričić 10 Minuten lang reinen Sauerstoff ein
Sein Weltrekord im Freitauchen wäre ohne eine Maßnahme unmöglich gewesen: Vor dem Versuch hatte Maričić seinen Blutplasma-Sauerstoff und den O2-Vorrat in seinen Lungen massiv gesteigert, indem er zehn Minuten lang reinen Sauerstoff einatmete. Dadurch steigt der Kohlendioxidgehalt im Körper langsamer – der Atemreiz setzt später ein. Laut „Divernet“ erhöhte diese Maßnahme seine verfügbare Sauerstoffmenge von ca. 450 Milliliter auf fast drei Liter. Dadurch verlängert sich die mögliche Zeitspanne, in der der Körper ohne Atmung auskommt, massiv.
Weltrekord im Freitauchen – offizieller Wortlaut bei Guinnes World Records:
„Die längste Zeit, die ein Mann freiwillig unter Wasser den Atem anhielt, beträgt 29 Minuten und drei Sekunden und wurde am 14. Juni 2025 von Vitomir Maričić (Kroatien) in Opatija, Kroatien, erreicht. Vitomir, Mitglied von Adriatic Freediving, nahm diesen Rekord als persönliche Herausforderung an und wollte gleichzeitig auf die Bedeutung des Meeresschutzes aufmerksam machen. Der Versuch fand in Anwesenheit der AIDA-Freitauch-Jury statt, bei der er den vorherigen Rekord um fast fünf Minuten unterbot.“2
Ohne Sauerstoffvoratmung liegt der Weltrekord im Freitauchen bei elf Minuten, 35 Sekunden (2009 aufgestellt von Stéphane Mifsud in Hyeres, Frankreich).3 Auch Maričić kann ohne Sauerstoffvoratmung länger als zehn Minuten die Luft anhalten. Ganz genau sind es zehn Minuten und acht Sekunden – dokumentiert im Februar 2025.4
»Erfahrung immer schlimmer, vor allem für mein Zwerchfell
Nach 20 Minuten sei „alles leichter“ geworden, „zumindest mental“. Seine körperlichen Schmerzen beschreibt Maričić so: Die Erfahrung sei „körperlich immer schlimmer geworden, vor allem für mein Zwerchfell, wegen der Wehen. Diese unwillkürlichen Kontraktionen treten auf, wenn der Körper unbedingt wieder atmen will. „Aber mental wusste ich, dass ich nicht aufgeben würde“, so Maričić weiter. Seine Leistung verdankte er der Unterstützung seines Teams, seiner Familie und seiner Freunde.
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Weltrekord im Freitauchen – diese Mechanismen laufen im Körper ab
Was bei langer Zeit unter Wasser ohne Luftholen im Körper passiert und welche Mechanismen dabei greifen, ist in der Forschung gut dokumentiert.5
Zunächst: Im Blut befindet sich immer ein bisschen Kohlendioxid (CO₂), weil die Zellen es beim Arbeiten herstellen. Beim Luftanhalten erhöht sich der Kohlendioxid-Wert im Blut. Zu viel CO₂ ist gefährlich.
Bei Atemnot funken Chemorezeptoren, die wie „CO₂-Melder“ funktionieren, ans Gehirn: „Achtung, zu viel CO₂, atme!“ Diese Rezeptoren sitzen im Gehirn und im Hals, insbesondere in den Karotiskörperchen. Der Atemreflex, spürbar über das Zwerchfell, greift jetzt ins Geschehen ein: Unwillkürliche Zwerchfellkontraktionen sollen den Körper dazu „zwingen“, wieder zu atmen. Untrainierte Menschen brechen in diesem Moment ab, um nicht zu ersticken.
Auch bei Freitauchern mit verbuchtem Weltrekord wie Vitomir Maričić funktioniert dieser Reflex genau wie bei uns allen – nur tricksen die Profis ihre „Alarmanlage“ aus und trainieren ihren Körper darauf, den Atemreflex später auszulösen.
Das erforderliche Mindset
Die Freitaucherin Sheena McNally hat es im Gespräch mit FITBOOK einmal so beschrieben: „Ein großer Teil des Freitauchens besteht darin, zu lernen, dass es einem unter Wasser gut geht, wenn man den Atem anhält. Man lernt, dass der Körper über Mechanismen und Anpassungsfähigkeiten verfügt, um mit dieser Situation umzugehen.“
Über das dafür erforderliche Mindset sagte die Kanadierin, die sich mit ihrer Armkraft an einem Seil 85 Meter tief ins Meer hinuntergezogen hat, damals zu FITBOOK: „Ich denke, ausschlaggebend ist eine Denkweise, die entgegengesetzt zu vielen anderen Sportarten steht. Dort wird man besser, indem man sich stärker pusht oder noch mehr anstrengt. Beim Freitauchen macht man Fortschritte, indem man sich entspannt und nur beobachtet, was mit einem passiert, anstatt zu reagieren. Man braucht eine Denkweise wie beim Meditieren: Beobachten, nicht urteilen – und nicht reagieren. Entdecken!“
Pool-Freitauchen erfordert brutal viel Selbstkontrolle
Während Pool-Freitaucher wie Vitomir Maričić jederzeit die Möglichkeit haben, einfach zur Oberfläche aufzutauchen, befindet sich Sheena McNally, die in die Tiefe taucht (manchmal denke sie am tiefsten Punkt: „Oh nein!“), stets weit entfernt von dieser. Für Pool-Freitaucher bedeutet diese ständige Verlockung, dass der gesamte Tauchgang von permanenter Selbstkontrolle begleitet ist.
Freitaucher müssen weiße Muskelfasern besonders trainieren
Freitaucher brauchen Muskeln, die gut ohne Sauerstoff funktionieren – weil sie den Sauerstoff im Körper beim Tauchen brauchen, um die Organe optimal zu versorgen. Ganz besonders wichtig ist deshalb für Profis, ihre weißen Muskelfasern zu trainieren – das sind jener Muskelfasern, die ihre Energie überwiegend anaerob, also ohne Sauerstoff, aus den Glykogendepots des Körpers beziehen. Dafür eignen sich besonders Krafttraining, HIIT oder Crossfit. Kräftezehrende Ausdauereinheiten sind fürs Freitauchen kontraproduktiv. Top-Freitaucher haben oft einen außergewöhnlich niedrigen Ruhepuls von unter 30 Schlägen pro Minute. Damit verbraucht ihr Körper extrem wenig Sauerstoff.
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Atmung vor dem Abtauchen
Die Berlinerin Freitaucherin Maria Unverricht, die den Atem unter Wasser mehr als fünf Minuten anhalten kann, erklärte FITBOOK vor Jahren einmal, wie sie sich unmittelbar vor einem Tauch-Wettkampf im Becken vorbereitet: Ab etwa acht Minuten vor dem Start atme sie doppelt so lange aus wie ein (Bauchatmung). Das volle Einatmen vor einem Wettkampf dauere bei ihr etwa 20 Sekunden. Freitaucher „hyperventilieren“ sozusagen – Bauch und Brust werden vor dem Abtauchen mit maximal viel Luft gefüllt.
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Atemzentrum im Rückenmark löst irgendwann den Atemreflex aus – unter Wasser binnen Sekunden tödlich
Ein großer Teil des Trainings für Freitaucher besteht darin, die eigenen körperlichen Signale zu überprüfen und richtig zu deuten. Freitaucher müssen ganz genau unterscheiden können zwischen Atemreiz, den sie noch verdrängen können, und „jetzt wird es gefährlich“. Mit immer weiter sinkendem Sauerstoffgehalt im Blut schaltet irgendwann das Gehirn ab: Der Freitaucher verliert das Bewusstsein. Ab einem Sauerstoffgrenzwert löst das Atemzentrum, das im verlängerten Rückenmark sitzt, im Hirnstamm den lebenswichtigen Atemreflex aus. Die Folge: Der Taucher atmet Wasser statt Luft ein. Ohne Hilfe sind die Folgen binnen Sekunden tödlich.
Freitauchen ist eine Sportart, die mit hohen Risiken verbunden ist. Wenn Sie sich jemals dazu entschließen, den Atem unter Wasser anzuhalten, sollten Sie das unbedingt gemeinsam mit einem ausgebildeten Tauchpartner tun. Nehmen Sie an einem Freitauchkurs teil. Die gibt es in Pools, Seen und im Meer. Dort lernen Sie, sicher den Atem anzuhalten und erzielen auch bessere Ergebnisse.
Immer wieder Todesfälle
Es kommt beim Freitauchen immer wieder zu Todesfällen: Der Amerikaner Nicholas Mevoli starb 2013, als er beim Freitauchen auf den Bahamas einen Rekord aufstellen wollte. Die französische Rekordtaucherin Audrey Mestre starb 2002 in der Dominikanischen Republik. Und die russische Freitaucherin Natalja Wadimowna Moltschanowa tauchte 2015 vor Formentera nicht mehr aus dem Meer auf.